Der kontraproduktive Klassenkampf
Über die privilegierte Abneigung des Bildungsbürgertums gegen KI
KI ist böse, KI ist Faschismus – diese Haltung hinsichtlich “Künstlicher Intelligenz” scheint vor allem in sozialwissenschaftlich geprägten Kreisen verbreitet zu sein. Nun, es ist in Teilen verständlich, dass so Manche in dieser Klasse, die sich bislang nicht von Automatisierung bedroht sah, infrage gestellt empfinden. Große Sprachmodelle (LLM) werden von vielen Denk- und Wissensarbeiter:innen sowie Kreativen ausschließlich als Bedrohung gesehen.
Neben bedenkenswerter Kritik an KI ist dabei überwiegend eine Mischung aus Ahnungslosigkeit, Inkonsistenz und Dünkel zu beobachten. Und ein Mangel an Selbstreflexion darüber, welch privilegierter Gestus und welch reaktionäre Züge aus der pauschalen Ablehnung einer Technologie sprechen.

Folge dieser zynischen Haltung: Durch die Unfähigkeit zu diskursiven Grautönen, überlässt man das Feld denjenigen, gegen die man sich angeblich zur Wehr setzen möchte. Gut zu erleben beim Stammtisch der KI-Résistance – auf BlueSky. So dürften wohl die Weber und Kutscher damals rumgerohrspatz haben, hätte es zu den Zeiten, als sie wegautomatisiert wurden, schon Social Media gegeben.
Dabei wird weiterhin mit den ausgelutschten Metaphern von „statistischen Papageien“ und Phänomen wie “Halluzination” hantiert sowie auf das Platzen der KI-Blase gesetzt. Was frappierend an den Internet-geht-wieder-weg Wahn der 00er Jahre in der Verlagsetagen von Tageszeitungen erinnert. Demonstriert wird damit eigentlich nur, dass sich weder mit der Nutzungsrealität noch der Weiterentwicklung der Technologie befasst wird.
Anmerkungen zu vier aktuelle Aspekte aus diesem “Diskurs”:

Das Faschismus-Argument
Hier wird immer wieder Technologie und Technologie-Einsatz verwechselt. Ja, Andreessen, Thiel, Musk & Co haben autoritäre Vorstellungen und halten eine Techno-Dystopie für erstrebenswert. Deswegen ist eine ganze Technologiekategorie nicht gleich ein „faschistisches Projekt“. Das ist ungefähr so, als ob Fließbänder antisemitisch wären, weil Henry Ford ein Antisemit war. Klar, mit der KI-Faschismus-These lässt sich für einige gut auf Social Media die Wellte reiten und in akademischen Zirkeln einfach Applaus erhalten. So bekam ein entsprechendes “Plakat” jüngst 24.000 Likes auf BlueSky. Dem entgegen landet ein KI-positiver Wissenschaftler nach eigenen Angaben auf weit verbreiteten Blocklisten.
Dass in diesem Kontext die KI-Politik Chinas nicht vorkommt, sondern sich nur an den Tech-Konzernen der USA abgearbeitet wird, zeigt zweierlei. Zum einen wird auf einem verharmlosenden Niveau mit dem Faschismusbegriff hantiert, um ganz im Sinne von Godwin’s Law bei dem vermeintlichen Angriff auf den eigenen Status gleich “Hitler” zu rufen. Und es zeigt sich die transatlantische Prägung dieser Debatte: Der Einparteien-Kapitalismus in China ist ein kompliziertes Phänomen: Die von dort stammenden leistungsfähigen “offenen” Sprachmodelle passen nicht in das Narrativ einer Technologie in den Händen weniger Tech-Milliardäre. So konzentriert sich beispielsweise das jüngst erschiene Werk “The Authoritarian Stack” der Tech-Vordenkerin Francesca Bria auch nur auf die USA und EU.
Es sollte Vorsicht geboten sein, dass hier Kritik nicht in das Fahrwasser von Verschwörungserzählungen gerät. Wenn von der “Westküste” mit undurchsichtigen Netzwerken von Unternehmen geraunt wird, von den einige von Menschen mit jüdischer Familiengeschichte gegründet wurden, sollten die Alarmglocken klingeln.
Geistiger Diebstahl
Interessanterweise ist von denjenigen, die vor wenigen Jahren noch gegen die Idee des „geistigen Eigentums“, gegen Digital Rights Management & Co ins Feld zogen, derzeit wenig zu hören. Hieß es nicht mal „Information muss frei sein”? Wurden nicht Rechte zum Remix eingefordert, für Open Access und Open Data gestritten? Entweder ist man für das freie Internet oder nicht. Auch wenn es dann von LLM-Hersteller genutzt wird. Und wenn man für Netzneutralität ist, kann man dann ein Paywallregime für KI gutheißen, das ein privates Unternehmen wie Cloudfare implementiert?.
Energieverbrauch
Die gerne bemühte Kritik am Ressourcen- und Energieverbrauch der KI wäre glaubwürdiger, würde es die auch am Ressourcen- und Energieverbrauch der gesamten Digitalnfrastruktur geben. Die Anzahl der Rechenzentren und des Energiebedarfs für das Internet stieg auch schon vor der Generative AI-Ära. Klar, das geht jetzt noch schneller. Allerdings immer noch recht unbedeutend neben der Anzahl von Rechenzentren für das WorldWideWeb und der dazugehörigen Infrastruktur (Kabel, Switches usw.). Und es sind es vor allem die zahlreichen Internetgeräte in den Büros und Haushalten der User: Zählt mal die Smartphones, Smart-TVs, PCs, Laptops, Tablets und Spielkonsolen alleine in eurem Umfeld.
Auch wenn es so schön einfach wäre, wenn man alles auf die pöse KI abwälzen könnte – aber im Wesentlichen werden jährlich hunderte Millionen Tonnen an C02 in die Atmosphäre gepustet, unzähligen Mengen an Rohstoff extrahiert, damit wir Netflix, YouTube und Pornos schauen können.
Ähnliches „Cherry picking” findet sich übrigens auch beim plötzlichen Mitgefühl für Clickworker im Globalen Süden, wenn sie LLM trainieren. Dass sich zum Teil die gleichen Personen und eine weitaus größeren Zahl an Leuten täglich übelst gewalthaltigen und verstörendem “Content” auf den diversen Social Media-Plattformen widmen, interessiert dagegen wenige. Wäre es nicht zu begrüßen, dass dies künftig von KI erledigt wird?
Klassismus
Die eigentliche Borniertheit zeigt sich dann aber darin, dass nicht mal versucht wird zu verstehen, warum es für hunderte Millionen Menschen offenbar angezeigt ist, die LLM zu nutzen. Vielleicht gibt es auch andere Erklärungen, als eine faschistische Verführung und eine unterstellte Faulheit zum Denken.
Etwa: Die Technologie erlaubt Menschen Teilhabe, die zuvor an den von Bildungsbürger errichteten Institutionen und deren Ritualen scheiterten. Jetzt können sie kostenfrei für sich korrekt schreiben und formulieren lassen. Das unterwandert die Exklusionslogik der bildungsbürgerlichen Klasse, die speziell in Deutschland ihre Pfründe so energisch verteidigt wie kaum anderswo: 3/5 der jungen Erwachsenen mit Eltern mit Abitur machen den höchsten Schulabschluss gegenüber 1/5 derjenigen ohne.
Und: Nicht jede:r wächst behütet und intellektuell stimulierend auf. Für so manche sind die LLM eine Befreiung und Inspiration: Sie erleben vielleicht das erste Mal ein Gegenüber, das zugewandt, freundlich, hilfsbereit und geduldig agiert. Eins, das sie nicht “judged” und verständlich den Zugang zu einem breiten Wissensschatz ermöglicht.
Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen. An dieses Meme aus dem Vorabend der Französischen Revolution erinnert die Haltung von KI-Gegnern, die verächtlich über Menschen die Nase rümpfen, die Hilfe und Zuwendung oder gar Liebe bei Chatbots suchen. Ist es nicht besser, jemand bekommt psychologischen Rat von einer Maschine als ein Jahr und länger auf Platz bei einer Psychologin/ einem Psychologen zu warten? Wenn einsame Menschen mittels synthetischer Kommunikation Formen soziale Beziehung erleben?
Die Verweigerung der Auseinandersetzung mit der Technologie durch weite Teile der intellektuellen Klasse hierzulande verhindert, dass die Zivilgesellschaft Einfluss nehmen kann: Wie können unsere Gesellschaften diese Technologie gewinnbringend einsetzen? Was wäre etwa möglich angesichts des Personalmangels in Bildung, Verwaltung und Gesundheit? Die „Künstliche Intelligenz“ ist sicher kein Allheilmittel. Und führt nicht automatisch zu einer besseren Welt. Doch auf die Idee zu kommen, das gesamte Feld wieder den IT-Konzernen zu überlassen, die zuvorderst im Sinne der Shareholder statt des Gemeinwohls arbeiten, ist intellektuelle Fahrlässigkeit.