verspaetung punkt net

Von Open Data der DB Bahn und der Transformation der Softwareentwicklung

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verspaetung.net

Was haben wir gelacht. Mein damaliger Kollege Michael Kreil erhielt den wohl einzigen Offenen Brief, den die Deutsche Bahn AG je veröffentlicht hat. Anfang 2012 hatte er die noch im Druck und als PDF erscheinenden Bahnfahrpläne (Fahrtenbücher) als „openPlanB” maschinenlesbar befreit. Die Bahn zeigte sich wenig begeistert. Doch drei Jahre später gab sie schließlich die Echtzeitdaten zu Fahrplänen, Verspätungen und Ausfällen frei zugänglich für jedermensch als OpenData heraus: Timetables-API.

Ohne die befreiten Daten hätten wir damals mit unserer Agentur OpenDataCity nicht den Zugmonitor für die Süddeutsche Zeitung (SZ) bauen können. Mit ihnen konnten wir gezielt die Bahn-Website auslesen und nach bestimmten Zügen suchen. Wir werkelten wir im Frühjahr 2012 – zeitweilig zu siebt – monatelang an dem Zugmonitor. Der lief ein gutes Jahr als Angebot der SZ und 2013 gab es dafür eine Grimme-Online-Nominierung.

Besagte Timetables-API zeigt das Geschehen an 5500 Bahnhöfen mit Updates im 30-Sekunden-Rhythmus (API: Application Programming Interface). Einer der spannendsten Datensätze, die hierzulande frei verfügbar sind, wage ich zu behaupten. Allerdings gibt es kaum andere dieser Art. Die Berliner Verwaltung etwa bietet Daten zur Verkehrslage nur historisch an, obwohl sie offensichtlich live vorliegen. Schade, ließe sich doch dann beispielsweise die aktuelle Lage des Desasters rund um den A100-Anschluss in Treptow dokumentieren.

Die Verspätungen der Bahn betreffen Millionen Menschen jeden Tag. Warum kein journalistisches Medium in Deutschland mit diesen Echtzeitdaten etwas anstellt, ist und bleibt mir genauso ein Rätsel wie die Entscheidung der SZ von damals, das Projekt nicht weiter fortzuführen. Wie viele Millionen Klicks sind dem Medium bis heute wohl entgangen? Jedenfalls: Wo sind sie, die regionalen Verspätungsmonitore, Fährt-die-Berliner-S-Bahn-gerade-App oder eben systematische Erfassungen von Verspätungs- und Ausfalldaten?

Maschinensteuer für KI-Einsatz

Als ich vor 18 Monaten begann, mir das sogenannte Vibe Coding zu erschließen, war die Bahn-API das perfekte Übungsgebiet. Für jemanden wie mich, der eh schon seit langer Zeit Softwareprodukte konzipiert, ist die Automatisierung von Teilen der Softwareproduktion ein Game-Changer. Kamen die ersten Versionen von Diensten wie V0 Ende 2024 noch Entwickler-Praktikant:innen gleich, erreichen Claude Code und ähnliche Produkte auf Basis von LLM (Large Language Models) mittlerweile das Niveau von Senior-Software-Engineers.

verspaetung.net hätte vor zwei Jahren wohl jenseits von 100.000 Euro gekostet – hätte das jemand bei mir gebucht. Gewisse Beratungskonzerne und IT-Butzen, die sich gerne an öffentlichen Geldern und dem Unwissen der Kunden schamlos gütlich tun, hätten vermutlich einen Betrag nördlich einer halben Million aufgerufen. Heute würde ich sagen: Pi mal Daumen kostet das weniger als 50.000. Dieser deutliche Kostenunterschied beruht darauf, dass statt geschätzt 50 Entwicklungstagen vielleicht noch 15 nötig wären. Denn die automatisierten Entwickler:innen arbeiten 24 Stunden/ 7 Tage die Woche für wenige Euro Stundenlohn – wieder einmal wird menschliche Arbeit durch ein teilfossiles Verfahren ersetzt: Die unzähligen virtuellen Schalter der Transistoren in den Prozessoren der Rechenzentren werden mittels Strom aus Öl, Gas, Kohle, Wind und Wasser gesteuert.

Neben den globalen Effekten auf das Klima dürfte solch eine Automatisierung menschlicher Arbeit ohne eine Art “Maschinensteuer” für KI-Einsatz gesellschaftlich für zunehmend Schwierigkeiten sorgen. Der Überfluss sehr günstiger Software-Entwicklungskapazitäten wird die Branche dieses Jahr im Mark erschüttern; bislang waren Entwicklerkapazitäten knapp. Insofern: Wer von euch künftig IT-Projekte extern beauftragt und vom Dienstleister nichts über dessen Produktivitätsgewinn und Kosteneinsparung durch automatisierte Softwareentwicklung hört, wird über’s Ohr gehauen. Oder ihr habt einen ignoranten Anbieter erwischt, den es folglich bald auch nicht mehr geben dürfte.

Die “Pofalla-Wende” lebt

Zu den Erkenntnissen aus den Verspätungsdaten selbst, die ich mir jetzt seit längerem immer wieder anschaue, gibt es wenig Überraschendes zu sagen. Sie belegen sattsam Bekanntes: Die Bahninfrastruktur und die dazugehörigen Organisationen sind durch und durch marode. Dank jahrzehntelanger Sabotage der Auto- und Fluglobby mittels willfähiger Politiker:innen. Und dank der Resignation von uns Untertanen, die sich das alles gefallen ließen und lassen.

Aufschlussreich fand ich allerdings, was die Ausfälle zeigten: In den schneereichen Wintertagen der letzten Wochen wurden an manchen Tagen etwa 10 Prozent der Fernzüge und tausende Halte gestrichen. Dazu gab es bisher keine öffentlich zugängliche fortlaufende Erfassung und deren Aufbereitung, soweit ich weiß – bis jetzt: hier die Ausfälle heute. Gut zu erkennen, die Methode der „Pofalla-Wende”, durch die Fernzüge früher enden, um dann ihre Rückfahrt auf Kosten einiger Haltestellen pünktlich beginnen zu können. Praktisch: Die „Pünktlichkeitswerte“ werden so offenbar aufgemöbelt. Die Pressestelle der DB Bahn hat mir bislang nicht darauf geantwortet, ob überhaupt und inwiefern Teil- und Komplettausfälle in diese Statistik einfließen.

Statt gefühlter Empirie

verspaetung.net ist ein klassisches Datenjournalismusprojekt: Gefühlte Empirie wird mit Fakten unterfüttert. Die beobachteten 18 Bahnhöfe habe ich gewählt, weil sie den Fernverkehr nahezu komplett abdecken und auch repräsentativ für den meisten Regionalverkehr sein dürften. Wer die Situation am eigenen Bahnhof erfassen möchte: Probiere es aus, Vibe Coding macht es einfach. Ein kostenfreier Einstieg ist beispielsweise per Googles Angebot auf Basis des LLM Gemini möglich. Tipp: Gebt der KI die API-Dokumentation, die die Bahn als JSON-Datei anbietet, als Grundlage.

Regelmäßig Updates zur Bahnsituation liefern seit heute automatisierte Accounts bei Bluesky und Mastodon. Und per DIVER könnt ihr abends einen täglichen Report per RSS und E-Mail erhalten.