Die Hindernisse der Klimabewegung
Teil 1 – 17.11.2022
Drei Dinge wurden diesen Sommer deutlich: Erstens: Die Klimakatastrophe ist längst hereingebrochen.
Was zweitens klarmacht: Die Personen, die in den Gesellschaften dafür Verantwortung übertragen bekamen, etwas wie eine Klimakatastrophe nicht eintreten zu lassen, haben versagt. Über Jahrzehnte hinweg: kollektiv in den Parlamenten, in den Regierungen, in den Verwaltungen und anderen staatlichen Institutionen, nicht zuletzt denen der Bildung. Obwohl seit einem halben Jahrhundert immer deutlicher wurde, was droht. Ihre Strukturen sind in ihrer Anlage prinzipiell nicht für ein Phänomen wie den Klimawandel gemacht, der eine grundlegende Veränderung verlangt. Denn sie sind dafür designt, grundlegenden Wandel zu verhindern. Das anhaltende Scheitern am Phänomen Internet zeigt, dass sie nicht außerhalb ihrer althergebrachten Kategorien Neues in ihre Prozesse integrieren können. Auf sie zu hoffen, an sie zu appellieren, etwas zu ändern, muss deswegen fehlgehen.
So versagen auch die herrschenden politischen Systeme, die den notwendigen Wandel nicht hervorbringen konnten und können. Der kapitalistisch organisierte Markt kann aufgrund seines Wachstumsfetisches, aus seiner Immermehr-Verbrauchenlogik heraus, prinzipiell nicht die Lösung bieten: Seine Funktionsweise hat uns so neben all seinen Errungenschaften gleichzeitig eben die ganze Scheiße eingebrockt. Indem er zugunsten der Profiteure und zum Nachteil aller seine Umweltkosten über Jahrhunderte hinweg aus seiner Rechnung heraushielt.
Wenn die Staaten, deren politische Systeme und Strukturen sowie ihre Märkte so offensichtlich versagen, bleibt einzig die diffuse Zivilgesellschaft: All ihre Gewerke – Kunst, Kultur, Medien, Kirchen, Soziales & außerparlamentarische Politik – die gesamte Zivilgesellschaft muss weltweit zur Klimabewegung werden; allein so ist die Aufgabe einer gerechten, demokratischen Transformation der globalen Gesellschaft zu stemmen.
Nur wurde diesen Sommer drittens offenbar: Genausowenig wie die gesamte Zivilgesellschaft hat die bestehende Klimabewegung einen Plan. Sie ist schlecht organisiert, intransparent und undemokratisch. So weiß sie weder, wer sie ist, noch wer zur ihr gehört. So kann sie sich nicht miteinander unterhalten und keine einladende, positive Botschaft zusammen formulieren. Sie kann keine geteilte gemeinsame Vorstellung davon entwickeln, wie der Wandel zu gestalten ist. Und wohin dieser Wandel führen soll. Geschweige denn koordiniert sie sich, um ebendiesen Wandel zu gestalten, auf den Weg zu bringen.
Was hindert sie daran? In den kommenden Wochen wird darüber in drei Beiträgen unter folgenden Überschriften nachgedacht:
Selbstwirksamkeit und -verständnis
Allem individuellen Engagement liegt als maßgebliche Motivation die Erfahrung von Selbstwirksamkeit zugrunde: Mein Handeln, mein Einsatz führt zu einer Veränderung, die für mich möglichst unmittelbar erleb- und spürbar ist. Hinsichtlich der menschenversursachten Erderhitzung ist es schwierig, Selbstwirksamkeit zu erleben. Denn der Treibhauseffekt ist träge und langsam; bis etwa sichtbar würde, dass sich die Zunahme des CO2-Gehalts in der Atmosphäre abbremst oder gar zum Halt kommt, werden Jahrzehnte vergehen: Vereinfacht gesagt, erleben wir derzeit die Effekte des Umweltverbrauchs von vor zwanzig Jahren. Alle heute über 40-Jährigen werden, wenn alles halbwegs gut läuft, noch den Rückgang der Zunahme vom Co2 Gehalt in der Atmosphäre mitbekommen. Wenn es sehr hoch kommt, noch den Stopp der Zunahme.
Die Frage ist also: Welcher Gestalt muss ein thematisches Betätigungsfeld sein, das als Proxy, als Stellvertreter dafür dienen kann, tatsächlich Selbstwirksamkeit hinsichtlich der Klimakrise erfahrbar zu machen? Ein Thema, das über Jahrzehnte trägt, nicht als Folklore, sondern das wirklich klimawirksam, sinnvoll ist und Erfolge erlebbar macht?
Die Klärung eines sinnvollen Wirksamkeitsansatzes wird auch schärfen, was eigentlich konkret das Ziel der Klimabewegung ist. Die Parole „Klimawandel stoppen“ etwa ist kein konkretes Ziel. Vielmehr muss es eindeutig messbar sein, damit Erfolg und Misserfolg erkannt werden kann. Anhand dessen wird sich auch klären lassen: Wer ist die Klimabewegung? Sich darüber im Klaren zu sein, wer zur ihr gehört und wer nicht, nützt, um sich aus dem Gestrüpp von Stellvertreterdebatten und Ablenkungsmanövern der Fossilbewegung zu lösen.
Change Agents und Hegemonie
Hat die Klimabewegung nun eine Vorstellung davon, wie sie wirksam werden kann, muss sie ihr Vorgehen koordinieren. Schlicht gesagt: Wir machen dies, damit jenes geschieht und wir damit unserem Ziel näher kommen. Dominierende Ansätze der Klimabewegung adressieren derzeit zwei Gruppen als Träger:innen des Wandels: zum einen die allgemeine Bevölkerung und zum anderen die Personen in den staatlichen Institutionen. Die Bevölkerung, so ist die eine Hypothese, wisse nur noch nicht genug Bescheid über die Klimakrise und, wäre sie nur genug aufgeklärt, käme sie ins Handeln. Die andere Hypothese lautet: Den parteipolitischen und -nahen Politiker:innen sowie den Parlamentarier:innen sei die Dringlichkeit des Handels nur noch nicht klar genug; gelänge es, sie davon zu überzeugen, dass sofort etwas geschehen müsse, würden sie schlussendlich die richtigen Schritte einleiten.
Dieses Vorgehen hat bislang wenig bis keinen Erfolg gezeigt, was darauf hindeutet, dass die verkehrten Change Agents adressiert werden oder die gesamte „Theory of Change“, die Wirkungskette fehlerhaft ist. Was wäre ein Erfolg versprechender Ansatz? In der Klimakrise, die alle Bereiche des Lebens berührt, kann die Klimabewegung nur erfolgreich sein, wenn ihr Ansatz und ihr Vorstellung von Gesellschaft hegemonial wird oder einfach gesagt: Mainstream wird. Wie kann das gelingen?
Noch dazu, wenn zum Teil jahrhundertealte Vorstellungen, Traditionen und Abhängigkeitsverhältnisse durchbrochen werden müssen – in deren Mechanismen die Individuen in der Klimabewegung selbst verstrickt sind. Wenn sich gegen Gegner:innen in mannigfaltiger Form, wenn sich gegen die gut organisierte und finanzierte Fossilbewegung, die im Zweifel keinen Skrupel kennt, durchgesetzt werden muss. Wie kann ein Umgang mit den Gegnern sich gestalten, der nicht dazu führt, sich genauso abscheulich zu verhalten, wie diese selbst?
Operationalisierung
Es mangelt nicht an Konzepten und Vorschlägen, wie dem Klimawandel begegnet werden kann. Vielmehr gibt es eine unübersichtliche, stetige Lawine davon. Die gilt es zu sichten, einzuordnen, die sinnvollen von den schlechten Ideen zu trennen. Und dann die Umsetzung anzugehen. Dafür braucht es Koordination und Organisierung. Wie kann die dafür notwendige Struktur entstehen, welcher Gestalt muss sie sein und wie kommt sie ins Handeln?