Selbstwirksamkeit in der Klimakrise
2. Teil der vierteiligen Serie "Hindernisse der Klimabewegung" - 14.12.2022
Auf dem Papier liest es sich fast einfach: zügig raus aus der fleischlastigen Ernährung, speziell Rind und Schafe, und aus der Ernährung mit Milchprodukten. Raus aus dem Bauen und Produzieren mit Beton und Stahl, raus aus dem motorisierten Individualverkehr, nicht zuletzt aus dem Fliegen, raus aus allem, das mit der Petroindustrie zu tun hat. Nur ist das eben alles andere als einfach, weil die globale Wirtschaft, dominiert durch die Industriestaaten, auf genau diesen Aspekten basiert. Die Transformation einer globalen Gesellschaft, deren Wirtschaftsweise völlig auf maximalen Profit und maßlosen Konsum programmiert ist, ist eine Aufgabe, der sich die bestehenden politischen Systeme seit nunmehr 50 Jahren nicht stellen.
So ist es an der Klimabewegung, die Praxis der Transaption zu entwickeln; eine Kombination aus Transformation und Adaption („transformative adaption“ [1]). Diese Praxis treibt also einerseits den gesellschaftlichen Wandel voran, der zügig zu Reduktion des Ausstoßes von Klimagasen führt, sie zielt aber auch darauf, den in den kommenden Jahren immer stärker werdenden Effekten der Klimakrise zu begegnen. Um die Fragen, wie die Klimabewegung in die Position kommt, dies einzuleiten, geht es in Teil 3 (Hegemonie) sowie Teil 4 (Operationalisierung), die in den kommenden Wochen folgen.
Es wird Jahrzehnte dauern, vielleicht Jahrhunderte. Damit die Transaption nicht nur abstrakt bleibt, ein „gelobtes Land“, das aber nie jemand zu Gesicht bekommt, braucht es anhaltende Motivation sich dafür zu engagieren, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Im Zusammenhang mit der menschengemachten Erderhitzung ein schwieriges Unterfangen: Vor allem CO₂ ist träge – wir erleben derzeit die Effekte seines Ausstoßes von vor etwa 20 Jahren.
Wie also Selbstwirksamkeit für ein Individuum erfahrbar machen angesichts des globalen Klimawandels, dessen Beschleunigung 8.000 Millionen Menschen tagtäglich weiter befeuern?
Es geht nur kollektiv
Eins ist klar: Es geht nur kollektiv, es müssen schnell viele Millionen Menschen ihre Konsum- und Lebensmuster ändern. Dafür müssen also Parameter aufgestellt werden, die weltweit verstanden werden und ähnlich sind, damit internationale Kampagnen und Bündnisse mit Gemeinsamkeiten operieren können, was Austausch, Verständigung und Solidarität ermöglicht. Insofern eignen sich die basalen, grundlegenden Dinge des Alltags, die kulturell usw. zwar je nach Weltregion anders ausgeprägt sind, im Grunde aber doch gleich funktionieren: Ernährung, Wohnen, Arbeiten.
Fleisch- und Milchernährung wären einerseits low hanging fruits, leicht erreichbare Ziele, weil Methan ein deutlich dynamischeres Klimagas ist als CO₂ und hier zügig Effekte messbaren wären, die eben Selbstwirksamkeit erlebbar machen [2]. Nur wie transformiert man die landwirtschaftlichen Betriebe, Verarbeitungsstätten, Logistikwege bis zu den Verkaufsorten sowie die oft hochgeschätzten Ernährungstraditionen, die alle in das Fleisch- und Milchsystem integriert sind? Darauf muss eine Klimabewegung nicht nur Antworten entwickeln, sondern auch demonstrieren, dass die Transformation praktisch geht – ohne auf Diktatur sowie Faschismus zu setzen. Dabei allein an staatliche Stellen als Wandelmotoren zu appellieren, ist offensichtlich vergebens, wie in der Einleitung erläutert,.
Ein anderer Bereich für Selbstwirksamkeitserfahrung wäre, den Flächenverbrauch beim Wohnen zu verringern: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf in den Industriestaaten steigt seit Jahrzehnten; gleichzeitig herrscht in bestimmten Gegenden Knappheit [3]. Neubauten sind enorm klimaschädlich durch den Energiebedarf bei der Beton- und Stahlproduktion plus der Flächenversiegelung. Hier schnell einen Stopp zu erzielen, würde mittelfristig einen messbaren Effekt auf den Ausstoß von Klimagasen zeigen. Gleichzeitig lassen sich anhand der Wohnraumfrage im Sinne der Adaption Lösungen entwickeln, um Platz zu schaffen für die diejenigen, die künftig sowohl innerstaatlich als auch international ihre Wohnorte aufgrund des Klimawandels verlassen müssen. Dafür bräuchte es also eine komplette Reorganisation des Umgangs mit den bestehenden Wohnflächen, die Wiederbesiedlung von leer stehenden Gebäuden im ländlichen Raum, Umbau von bestehenden Wohnungen und Häusern. Es müssten althergebrachte Muster des Zusammenlebens wie der Klein- und Kernfamilien, des Single-Wohnens, des Allein-Wohnens im Alter usw. zügig verändert werden. Auch hier müsste die Klimabewegung Formen und Formate entwickeln, diese Reorganisation einzuleiten und selbst zu leben.
Geeignete Stellvertretervariable
Eine sehr geeignete Stellvertretervariable ist allerdings die Lohnarbeitszeit. Studien zeigen, dass die Lohnarbeitszeit in den Industriestaaten auf 10 bis 15 Stunden in der Woche reduziert werden müsste, um den Umweltverbrauch, der direkt und indirekt mit Lohnarbeit zusammenhängt, planetentauglich zu machen: Weniger Produktion bedeutet weniger Konsum – weniger Dienstleistungen, weniger Energieverbrauch [4].
Eine Mammutaufgabe, doch vielversprechend: Der Klimabewegung muss es gelingen, eine attraktive Gegenidee zum Konsumversprechen zu entwickeln. Der Gewinn von Lebenszeit, die nicht mehr für die Bereicherung einiger weniger aufgebracht werden muss – die mit diesem Reichtum vorrangig klimaschädliche Dinge tun [5] – hat das Potenzial, eine enorme Triebfeder zu sein: um die Transaption als etwas Positives zu verstehen und an ihr aktiv teilzunehmen. Kampagnenziele, wie die Reduzierung der Lohnarbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche bis 2030 und auf 20 Stunden pro Woche bis 2040 usw., sind durch eine starke Bewegung durchsetzbar und machen Erfolge messbar, die direkt klimawirksam sind. Entlang einer stetigen Senkung der durchschnittlichen Arbeitszeit über Jahrzehnte hinweg werden sich etliche Aspekte der gesellschaftlichen Organisierung neu ausrichten.
Eine Variable, die ebenfalls planetenweit Gültigkeit hat, ist Geld. Eigentlich ein äußerst abstraktes Konzept, wird es doch gewissermaßen von jedermensch anerkannt und genutzt, quasi als Naturgesetz verstanden. Gelänge es, eine Funktion in das Geldkonzept zu integrieren, das zum klimaschonenden Verhalten motiviert, ließe sich Selbstwirksamkeit in Metriken messen, die bereits eingeführt sind (siehe etwa Kim Stanley Robinsons “Carbon Coin”: er schlägt vor, eine Währung einzuführen, die dafür gezahlt wird, klimaschädliche Vorhaben nicht zu tun. Also etwa ein Ölfeld nicht auszubeuten [5]).
Selbstredend bringen die hier skizzierten Vorschläge zahllose Fragen mit sich. Nicht zuletzt, wie sich die Klimabewegung mit anderen sozialen Bewegungen zusammenschließen kann. Doch die Transformation und Adaption in der Klimakrise wird nur gelingen, wenn grundlegenden Konzepte, die in ihrer jetzigen Konfiguration die Klimakatastrophe ausgelöst haben, deutlich verändert werden. Der Nebeneffekt für die Klimabewegung, wenn sie sich darüber verständigt, sich diesen Aufgaben stellen zu wollen, ist dabei elementar: Sie muss dafür nämlich ein klares politisches Selbstverständnis entwickeln. Das bedeutet auch, Entscheidungen zu treffen: Wer gehört zu ihr und wer nicht. Ohne diese Abgrenzung, ohne diese Selbstverständigung wird man im jetzigen diffusen Handeln stecken bleiben und nicht in die Transaption einsteigen können. Doch für ein Weiter-so hat die Menschheit keine Zeit mehr.
Zu Teil 1:

[1]Transformative adaptation to climate change for sustainable social-ecological systems (ScienceDirect)
[2] Less meat is nearly always better than sustainable meat, to reduce your carbon footprint (Our World in Data)
[3] Wohnfläche (Umweltbundesamt)
[4] How the rich are driving climate change (BBC)
[5] Die Freizeit ist reif (Das Lamm)
[6] Making the Fed’s Money Printer Go Brrrr for the Planet (Bloomberg)
